Das Uhrenmagazin

Heute möchte ich gerne ein Thema behandeln, das mir als bekennendem Geek sehr am Herzen liegt: die Geschichte der ersten LED-Uhr. Ihre karge, technische Schönheit läßt mein Herz (und das vieler anderer) höher schlägen.

LED-Uhren waren die Vorgänger der allseits verbreiteten LCD-Uhren. LED steht für „Light-Emitting Diode“, also Leuchtdiode. Im Gegensatz zur LCD (Liquid Crystal Display, Flüssigkristallanzeige)-Technik ist die LED auch im Dunkeln sichtbar. Einer der größten Nachteile der LED-Technik der damaligen Zeit war der Stromverbrauch. Aber dazu mehr später.

Die Geschichte der ersten LED-Uhr ist kompliziert und nicht einfach zu erzählen. Ich beschränke mich deshalb auf ganz grob umrissene Eckdaten.

Die Unternehmen

1892 wurde die Hamilton Watch Company gegründet. Dieses Unternehmen gehört zu den größten Erfolgsgeschichten Amerikas. Im frühen 20. Jahrhundert war das Unternehmen sehr beliebt, weil es Taschenuhren herstellte, die dem Stil von Eisenbahnuhren nachempfunden waren. Später dann wurde das Angebot auf Armbanduhren erweitert. Hamilton war derart beliebt bei der amerikanischen Bevölkerung, dass 1958 insgesamt 807 verschiedene Uhrenmodelle im Firmenportfolio waren. Das ist auch für heutige Verhältnisse unvorstellbar. Als Unternehmen mit der größten Erfahrung in Sachen Armbanduhren gehörte Hamilton zu den Pionieren der Miniaturisierung. Im späteren Verlauf der Firmengeschichte spalteten sich viele unterschiedliche Abteilungen ab und wurden zu Satelliten des Mutterunternehmens. Beispielsweise Pulsar.

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Odyssey Clock

1966 beauftragte der weltberühmte Regisseur Stanley Kubrick die Hamilton Watch Company mit der Entwicklung einer futuristischen Uhr, die er in seinem Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“ einsetzen wollte. Dieses Projekt, genannt „Odysee Clock“, wurde in die Hände zweier fähiger Entwickler gelegt: Richard S. Walton und John M. Bergey. Die beiden Männer schienen für den Job ideal geeignet zu sein, weil sie Erfahrung mit komplizierten Aufträgen hatten — sie forschten zur damaligen Zeit an einem elektronischen Zünder für das Militär. Das Projekt war erfolgreich, und Hamilton wollte die damit gewonnene Erfahrung aller Beteiligten optimal nutzen und gründete daraufhin das „Electronic Watch Program“, unter Leitung von Walton. Genau dieses Programm entwickelte sich weiter und wurde zu einem neuen Subunternehmen von Hamilton. Der Name: Pulsar.

Die Unternehmensleitung von Hamilton war sich einig, dass angesichts des enormen Konkurrenzdrucks durch japanische Uhrenhersteller nur digitale Uhren einen Wettbewerbsvorteil schaffen konnten. John M. Bergey erhielt die Order, sich um die Entwicklung einer solchen digitalen Uhr zu kümmern.

Hier kommt ein drittes Unternehmen ins Spiel: Electro/Data in Garland, Texas. Die Ingenieure dieser Firma arbeiteten bereits an einem ähnlichen Projekt. Für Bergey und Walton war klar: Eine Zusammenarbeit konnte nur von Vorteil sein. Schlussendlich waren es die Entwickler von Electro/Data, die entscheidend an der Entwicklung und Produktion mithalfen.

Pulsar P1

Pulsar P1

Die Uhr

Im Frühling 1972 kam die erste Pulsar-LED-Uhr auf den Markt. Ihr Name: „P1“. Besser bekannt allerdings war sie unter dem Titel, mit dem sie beworben wurde: „Time Computer“. Viele Berichte verbreiten die Meinung, dass insgesamt 400 Exemplare gefertigt wurden. Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass es 450 Uhren waren. Die P1 war extrem schwierig zu warten. Juweliere konnten lediglich die Batterien auswechseln und die Zeit neu einstellen, alle anderen Reparaturen mussten direkt im unternehmenseigenen Service Center durchgeführt werden.

Die erste digitale Uhr der Welt war ein Meilenstein in der Geschichte der Elektronik. Sie kostete knappe 4.000 Dollar.

Die Daten:
– Stunden, Minuten, Sekunden
– Ganggenauigkeit: 60 Sekunden/Jahr
– Wasserdicht bis 30 Meter
– stoßfest
– Kunstglasanzeige
– Lichtsensor
– benötigt zwei UCAR 357-Zellen
– Modellnummer #2800
– 18kt Gold

Die Ernüchterung

Wenige Monate nach Markteinführung schickten die ersten Kunden ihre „Time Computer“ wieder an Pulsar zurück. Der Grund: Die Batterie war alle. Die LEDs verbrauchten derart viel Strom, dass der Saft teilweise nur wenige Tage lang hielt. Und das, obwohl die Zeit auf Knopfdruck nur 1,25 Sekunden angezeigt wurde. Der extrem hohe Energieverbrauch war ein Problem, das die Entwickler auch in folgenden Modellen nicht in den Griff bekamen.

Mit der Lizenz zur Coolness

Trotzdem war die Beliebtheit des Zeitcomputers ungebrochen. Vor allem, als Roger Moore in seiner Rolle als James Bond im Streifen „Leben und sterben lassen“ die P2 am Handgelenk trug. Moore erinnert sich in seinem Buch „Roger Moore’s james Bond Diary“ genau an diese Szene:

„Aufgeschreckt durch den lauten Knall, schaut Bond auf seine Uhr und stellt fest, dass es 5:45 Uhr ist. Bonds Armbanduhr ist natürlich keine normale Uhr, sondern ein Computer am Handgelenk. Er sieht aus wie eine normale Uhr, aber wenn man einen Knopf drückt, leuchten auf dem vormals leeren Schirm rote digitale Zahlen auf. Es ist die beste Uhr, die es auf der Welt gibt.“

Der Untergang

Noch im selben Jahr entwickelte der Schweizer Uhrenhersteller Longines den Prototypen einer Armbanduhr, die anstatt Leuchtdioden Flüssigkristallanzeigen verwendete. Bis zu 30.000 mal weniger Strom verbrauchte diese Uhr und läutete damit den Untergang der LED-Uhren ein.

Bildnachweise:
Pulsar Touch/Command: By Alison Cassidy (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons